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Mikrokosmos der Flechten in 3D: Forschende machen Details der Flechtensymbiose sichtbar

Flechten sind Lebensgemeinschaften zwischen Pilzen und Algen. Forschende um SNSB Botaniker PD Dr. Andreas Beck haben nun erstmals die Bereiche im Flechtenkörper dreidimensional sichtbar gemacht, an denen sich die Zellen der beiden Symbiosepartner berühren und über die die beiden Stoffe austauschen. Die Zellwände an der Kontaktzone Pilz-Alge zeigen deutliche Veränderungen in ihrer Struktur und chemischen Zusammensetzung. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forschenden nun in der Fachzeitschrift Scientific Reports.

Flechten besiedeln Bäume oder Felsen in allen Teilen der Erde. Es handelt sich um symbiotische Lebensgemeinschaften zwischen Pilzen und Photosynthese betreibenden Grünalgen oder Cyanobakterien, in denen beide Partner wechselseitig voneinander profitieren: Der Pilzpartner ist auf die Kohlehydrat-Versorgung durch die Alge angewiesen. Im Gegenzug schützt er die Alge vor UV-Strahlung und anderen Umwelteinflüssen. Von entscheidender Bedeutung für den Transfer von Nährstoffen zwischen den beiden Symbiosepartnern ist die Kontaktzone, an der sich die Pilzzellen und Algenzellen berühren. Detaillierte Untersuchungen, insbesondere ein dreidimensionaler Einblick in diesen Bereich zwischen den Zellen fehlen bislang.

Einem Forscherteam um den Botaniker PD Dr. Andreas Beck von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) gelang es in Kooperation mit Prof. Dr. Christian Bayer, Hochschule Aalen nun erstmals, diese Interaktionszone zwischen den beiden Symbiosepartnern der Wand-Gelbflechte Xanthoria parietina dreidimensional sichtbar zu machen. Die hochauflösenden Nano-CT-Aufnahmen zeigen im Detail, wo und wie Pilz und Algen über ihre Zellwände in Kontakt kommen – Bereiche im Inneren der Flechte, die nur wenige Zehntausendstel Millimeter groß sind. Zum Vergleich: ein durchschnittliches menschliches Haar ist rund 200mal dicker als diese Strukturen. Sichtbar wird, dass die Algen mit rund einem Viertel ihrer Zellwandoberfläche direkt mit den fädigen Pilzzellen verbunden sind. Die Kontaktfläche wird zusätzlich durch eine Volumenzunahme jener Pilzzellen, die sich in unmittelbarer Nähe zu Algenzellen befinden vergrößert. Spezielle Materialanalysen, die sogenannte Energiedispersive Röntgenspektroskopie, zeigen zudem, dass sich auch die chemische Zusammensetzung der Zellwände an den Pilz-Alge-Kontaktzonen verändert hat. Sowohl der Stickstoff- als auch der Schwefelanteil sind dort deutlich erhöht, was möglicherweise Einfluss auf die Transportprozesse zwischen den Symbionten widerspiegelt, vermuten die Forschenden.

„Unsere Analysen zeigen erstmals die punktgenaue Modifikation der Symbionten-Zellwand im Kontaktbereich zwischen Alge und Pilz. Genomische Analysen lieferten uns diese Details bisher nicht. Die 3D-Modelle der Interaktionszone zwischen den beiden Flechten-Symbionten sind von großem Interesse für das Verständnis ihres Zusammenspiels. Unsere Ergebnisse tragen zum besseren Verständnis des Symbiose-Stoffwechsels der Flechten und seines möglichen Potenzials bei“, erläutert Erstautor Andreas Beck die Ergebnisse der Studie.

An der Studie beteiligt waren Forschende der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, der Hochschule Aalen sowie des Helmholtz-Instituts Freiberg.

Originalpublikation:
Beck, A., Bayer, C., Debastiani, R., Schubert, T., Gröger, A., Ruthensteiner, B. (2026) Elemental composition, structure and amount of contact between Xanthoria parietina symbionts. Sci Rep 16, 27379 https://doi.org/10.1038/s41598-026-68076-7

Wissenschaftlicher Kontakt
PD Dr. Andreas Beck
SNSB – Botanische Staatssammlung München
Tel.: 089 17861 266, E-Mail: beck@snsb.de 

Neue fleischfressende Pflanze aus Bayern entdeckt

München, 16.12.2025 – Eine neue fleischfressende Pflanze aus Bayern erhält nun offiziell ihren wissenschaftlichen Namen Drosera ×bavarica, der Bayerische Sonnentau. SNSB Botaniker Andreas Fleischmann entdeckte in einem südbayerischen Moor gesammelte Exemplare der neuen Pflanze – einer Naturhybride – im Nachlass eines Münchner Pflanzensammlers.

Einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass nun eine neue Pflanze direkt aus Bayern bekannt wurde. Denn Neufunde in der Botanik Mitteleuropas, Deutschlands oder gar Bayerns sind überaus selten, abgesehen von einigen endemischen Mikroarten, die jedoch nur von Spezialisten unterschieden werden können. Bei der neuen Pflanze handelt es sich um eine fleischfressende Pflanze, die jetzt den wissenschaftlichen Namen Drosera ×bavarica, der Bayerische Sonnentau, bekommen hat. Genau genommen handelt es sich nicht um eine eigenständige Pflanzenart, sondern um eine sogenannte Naturhybride, also eine spontan entstandene natürliche Kreuzung aus zwei bekannten Arten – in diesem Fall vom Langblättrigen Sonnentau (Drosera anglica) und dem Mittleren Sonnentau (Drosera intermedia). Exemplare dieser Pflanze aus der freien Natur kannte man bisher keine, weder aus den Herbarien noch von Fotografien oder Beobachtungen. Dass diese Kreuzung aus den beiden Arten möglich ist, haben Kulturversuche aus Japan schon 1973 bewiesen. Dort wurde die Kreuzung künstlich in Kultur hergestellt. Aber in freier Natur gefunden hatte die Hybride bisher niemand.

Nun fand Kurator Dr. Andreas Fleischmann, Experte für fleischfressende Pflanzen bei den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, tatsächlich einige Exemplare dieser Pflanze – und zwar im Herbar des Münchner Karnivoren-Experten Paul Debbert (1934–2022). Dieser hat seine Sammlung nach seinem Tod der Botanischen Staatssammlung München (SNSB-BSM) überlassen. Debbert war ehemals wissenschaftlicher Assistent am Institut für Systematische Botanik der LMU München, und hinterließ hunderte gepresste und dokumentierte fleischfressende Pflanzen aus aller Welt, darunter auch einige Sonnentau-Belege aus Bayern. Fleischmann stieß bei der Sichtung des Nachlasses auf das nun erstmals belegte Exemplar der Kreuzung aus Drosera anglica und Drosera intermedia, gefunden von Paul Debbert schon vor über 30 Jahren in einem kleinen Moor in Südbayern. Der Botaniker wusste um die Besonderheit des Fundes und bezeichnete diese Pflanze bereits damals auf seinen Herbarbögen mit dem von ihm neu vergebenen Namen “Drosera ×bavarica“. Leider gelang es Debbert vor seinem Tod nicht mehr, die neu entdeckte Pflanzenhybride wissenschaftlich zu beschreiben. Ihm wird diese Ehre nun postum zuteil. Andreas Fleischmann untersuchte und beschrieb die Pflanze anhand des vorliegenden Herbarmaterials und gab ihr nun ganz offiziell den, von Paul Debbert vorgeschlagenen, wissenschaftlichen Namen Drosera ×bavarica – der Bayerische Sonnentau. Die neue Sonnentau-Naturhybride wurde in einer umfassenden Bearbeitung zur Gattung Sonnentau (Drosera) in Bayern im aktuellen Berichtsband der Bayerischen Botanischen Gesellschaft (BBG e.V.) veröffentlicht. Die Typus-Exemplare von drei der sechs in Europa vorkommenden Sonnentau-Sippen befinden sich im Herbar der Botanischen Staatssammlung München.

Wissenschaftlicher Kontakt
PD Dr. Andreas Fleischmann, Kurator für Blütenpflanzen
SNSB – Botanische Staatssammlung München
Menzinger Straße 67, 80638 München
Tel: 089 17861 240
E-Mail: fleischmann@snsb.de

Publikation:
Fleischmann, A. (2025): Die Gattung Drosera (Sonnentau) in Bayern. Berichte der Bayerischen Botanischen Gesellschaft 94/95: 49-89.

Wie bei den Kakteen: CAM-Photosynthese bei fleischfressenden Pflanzen entdeckt

Botanische Staatssammlung München & Botanischer Garten München-Nymphenburg

Fleischfressende Pflanzen der Gattung Pinguicula (Fettkraut) aus Mexiko betreiben offenbar den gleichen wassersparenden Photosynthese-Weg, wie dies viele sukkulente Pflanzen, beispielsweise Kakteen oder Dickblattgewächse tun. Botanikerinnen und Botaniker der SNSB und LMU München weisen die sogenannte CAM-Photosynthese erstmals für fleischfressende Pflanzen nach. Das Forscherteam veröffentlichte seine Erkenntnisse nun in der Fachzeitschrift Plant Biology.

Die meisten fleischfressenden Pflanzen besiedeln nasse, nährstoffarme Lebensräume wie Moore oder Sümpfe. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Gattung Pinguicula, das sogenannte Fettkraut: über die Hälfte der ca. 110 weltweit bekannten Fettkraut-Arten stammen aus den Bergregionen des subtropischen Mexikos. Dort besiedeln die kleinen fleischfressenden Pflanzen Felsböden, welche die überwiegende Zeit des Jahres sehr trocken sind. Einige dieser Arten teilen sich ihren Lebensraum mit anderen typischen „Wüstenpflanzen“ wie Kakteen, Agaven und Hechtias. Fettkräuter besitzen sogenannte Klebefallen, d.h. ihre Blätter sind mit kleinen Drüsenhaaren besetzt, welche klebrige, glitzernde Tropfen eines wasserbasierten Fangschleims ausscheiden.

Unbekannt war bisher, wie die Pflanzen den Wassermangel an ihren trockenen Wuchsorten ausgleichen und zusätzlich noch Wasser für die Produktion des Fangschleims übrig haben. Ein Forscher-Team der zu den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns gehörenden Botanischen Staatssammlung und des Botanischen Gartens München-Nymphenburg sowie der LMU München hat dies nun an mehreren mexikanischen Fettkraut-Arten untersucht, die in den Gewächshäusern des Botanischen Gartens kultiviert werden. Die Versuche wurden von Joris Fleck im Rahmen seines Masterstudiums an der LMU München durchgeführt. Er hat die Pflanzen aus ihrem „Wohlfühlbereich“ im Gewächshaus in Klimakammern überführt, in welchen die Wuchsbedingungen zur Trockenzeit Mexikos simuliert wurden. Untersucht wurde die Photosynthese der Pflanzen unter Hitze- und Trockenstress. Das Ergebnis hat überrascht: Fettkräuter passen ihren Stoffwechsel offenbar an die Trockenheit an. Sie wechseln zur sogenannten CAM-Photosynthese (CAM = Crassulacean Acid Metabolism oder Crassulaceen-Säurestoffwechsel), die man von vielen trockenheitsverträglichen Gewächsen kennt. Bei diesen Pflanzen bleiben die Spaltöffnungen der Blätter tagsüber geschlossen, so dass zwar kein CO2 zur Photosynthese aufgenommen wird, die Pflanzen aber so am trockenheißen Tag auch kein Wasser durch Verdunstung verlieren. Erst nachts öffnen sich die Spaltöffnungen und die Pflanze „atmet“ CO2 ein, welches gespeichert wird. Tagsüber wird auf diesen Kohlenstoffvorrat aus der Nacht zurückgegriffen.

„Mit diesen Ergebnissen hatten wir nicht gerechnet. Den CAM-Photosynthese-Weg kannten wir bislang nicht bei fleischfressenden Pflanzen, auch nicht unter den Wasserschlauchgewächsen, zu denen die Fettkräuter gehören“, sagt Studienleiterin Professor Gudrun Kadereit, Direktorin der Botanischen Staatssammlung und des Botanischen Gartens München sowie Lehrstuhlinhaberin für Systematik, Biodiversität & Evolution der Pflanzen an der LMU München. „Damit kennen wir nun bereits 39 verschiedene Pflanzenfamilien, in denen sich die CAM-Photosynthese unabhängig voneinander entwickelt hat.“

Mit Blick auf den Klimawandel könnte die Gattung Pinguicula eine interessante Studiengruppe für weitere Untersuchungen darstellen. Diese fleischfressenden Pflanzen haben sich im Laufe ihrer Evolution von feuchtigkeitsliebenden Sumpfpflanzen zu trockenheitsverträglichen Arten entwickelt. „Bisher haben wir CAM-Photosynthese nur bei Fettkrautarten aus den entwicklungsgeschichtlich jungen, mexikanischen Verwandtschaftsgruppen der Pinguicula Sektionen Agnata und Orcheosanthus nachweisen können, nicht jedoch bei anderen verwandten Arten innerhalb der Gattung“, berichtet Karnivorenexperte Dr. Andreas Fleischmann von der Botanischen Staatssammlung München. „Die bei uns in Europa in den Alpen auf feuchten Quellböden und in Kalkflachmooren vorkommenden Fettkrautarten zeigten in den Untersuchungen keine Anzeichen dieser spezialisierten Photosynthese.“

Die aktuellen Forschungsergebnisse zeigen die Bedeutung von Lebendsammlungen in Botanischen Gärten für die Wissenschaft, denn diese Studie wäre ohne die reichhaltige Sammlung an kultivierten fleischfressenden Pflanzen im Botanischen Garten München-Nymphenburg nicht möglich gewesen.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Gudrun Kadereit
Director Botanische Staatssammlung and Botanischer Garten München-Nymphenburg
E-Mail: kadereit@snsb.de

PD Dr. Andreas Fleischmann
Curator of Vascular Plants
Botanische Staatssammlung München (SNSB-BSM)
Tel: 089 17861 240
E-Mail: fleischmann@snsb.de

Publikation:
Fleck, N.J., Messerschmid, T.F.E., Fleischmann, A., Ferrari, R.C. and Kadereit, G. (2025), Yes, we CAM! First evidence of CAM photosynthesis in a carnivorous plant. Plant Biology 28(1): 272-281. https://doi.org/10.1111/plb.70128

Neue „Flora von Bayern“ – 50 Jahre Teamwork von Ehrenamt, Wissenschaft und Naturschutz

110 Jahre nachdem Franz Vollmann von der Bayerischen Botanischen Gesellschaft mit seiner „Flora von Bayern 1914“ die letzte Übersicht zur Pflanzenwelt Bayerns veröffentlicht hat, erscheint nun eine neue, umfassende „Flora von Bayern“. Dem vierbändigen Mammutwerk geht eine mehr als 50 Jahre andauernde intensive floristische Erfassung, Kartierung und Dokumentation der Pflanzenwelt in ganz Bayern voraus. Mehr als 200 ehrenamtliche Citizen Scientists haben an dem Projekt mitgearbeitet. Koordiniert wurde das Projekt an der Botanischen Staatssammlung München.

Die neue Flora von Bayern enthält die gesamte botanische Artenübersicht sowie den aktuellen Zustand der Pflanzenwelt Bayerns von der Rhön bis ins Allgäu. Dabei blickten die Botaniker auch in die Vergangenheit: Die Beobachtungsdaten umfassen Pflanzenvorkommen aus Bayern im Zeitraum der letzten 250 Jahre. In jahrelanger Arbeit wurden von der Botanischen Staatssammlung München (SNSB-BSM), der Bayerischen Botanischen Gesellschaft, dem Landesamt für Umwelt und der für das Projekt gegründeten Arbeitsgemeinschaft Flora von Bayern auch Angaben aus älterer Literatur sowie alle bayerischen Herbarien mit ihren zum Teil historischen Herbarbelegen ausgewertet. Gesammelt wurden insgesamt fast 16 Millionen Beobachtungsdaten – kuratiert und ausgewertet vom Landesamt für Umwelt sowie den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB), insbesondere mit Unterstützung der Expertinnen und Experten für wissenschaftliche Daten am SNSB IT Zentrum. An der Initiative Flora von Bayern waren neben den beteiligten Wissenschaftlerin-nen und Wissenschaftlern auch mehr als 200 ehrenamtliche Kartiererinnen und Kartierer beteiligt – ein herausragendes Citizen Science Projekt für die bayerische Botanik.

Überblick über den Zustand der bayerischen Pflanzenwelt
Die Erfassung von Bayerns Flora über einen so langen Zeitraum ermöglicht einen genauen Überblick zum Zustand der Pflanzenwelt Bayerns: Welche Pflanzen sind gefährdet und verschwinden? Welche Arten breiten sich aus? Betrachtet wird dabei nicht nur das gesamte Landesgebiet, sondern auch einzelne Regierungsbezirke und Naturräume im Detail. Von den im Projekt insgesamt 5.886 nachgewiesenen Pflanzensippen sind 3.065 einheimisch. 1.955 Arten sind sogenannte Neophyten, Pflanzen, die nach der Entdeckung Amerikas 1492 in Bayern eingewandert sind oder eingeschleppt wurden. Von diesen Neophyten sind 380 mittlerweile fest in Bayern etabliert, sprich heimisch geworden, 208 mit Tendenz zur Einbürger-ung, 1.367 kommen nur spontan oder unbeständig verwildert vor. Von den 3.065 ein-heimischen Pflanzenarten sind 82 ausgestorben (2,5 %). 88 Pflanzenarten (2,7 %) sind endemisch für Bayern, das heißt, sie kommen weltweit nur dort vor.

Fast 6.000 bayerische Pflanzensippen in einem Buch
Das nun gedruckte Werk umfasst vier Bände mit insgesamt fast 3.000 Seiten. Unter den 5.886 Pflanzensippen, die in Bayern nachgewiesen wurden, sind 4.778 Arten, 1.313 Unterarten, 109 Varietäten und 708 Hybride. Im Buch finden sich tausende farbige Verbreitungskarten, Fotos sowie ausführliche Artentexte, verfasst von über 60 Autorinnen und Autoren. Für Bayern besonders typische oder seltene Arten werden in ihrem natürlichen Lebensraum gezeigt.

Die neue Flora von Bayern wird herausgegeben von der Bayerischen Botanischen Gesellschaft, den Autoren Prof. Dr. Lenz Meierott, PD Dr. Andreas Fleischmann von der Botanischen Staatssammlung München (SNSB-BSM), Marcel Ruff vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU), Jürgen Klotz und – posthum – Dr. Wolfgang Lippert (ehemals Kurator an der Bot-anischen Staatssammlung München). Alle Beteiligten freuen sich, das Werk nun endlich der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Die festliche Buchvorstellung findet im Rahmen eines „Tages der Bayernflora“ am Samstag den 26. Oktober 2024 im Großen Hörsaal der Botanischen Staatssammlung München statt.

Publikation:
Meierott, L., Fleischmann, A., Klotz, J., Ruff, M., & Lippert, W. (2024): Flora von Bayern. – Haupt-Verlag, Bern, 2880 Seiten

Kontakt:
PD Dr. Andreas Fleischmann, Kurator für Blütenpflanzen
SNSB – Botanische Staatssammlung München
Menzinger Straße 67, 80638 München
Tel: 089 17861240, E-Mail: fleischmann@snsb.de

Gut geschützt – Melanine sind besonders wichtig für Flechten

Botanische Staatssammlung München & Genomics Core Facility

München, 06.09.2024
Neue Genomanalysen zeigen: Eine erst kürzlich in Bayern neu entdeckte Stäbchenflechte betreibt offenbar viel Aufwand für ihren Sonnenschutz sowie zur Abwehr von Fraßfeinden. SNSB Forschende finden im eigens sequenzierten Referenzgenom der Flechte bestimmte Genabschnitte, die für die Produktion von Melaninen verantwortlich sind. Diese sind, wie beim Menschen auch, in der Lage UV-Licht zu filtern, als Schutz vor zu viel Sonnenstrahlung. Die Ergebnisse der Studie wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Genes veröffentlicht.

Die Unähnliche Stäbchenflechte Toniniopsis dissimilis wurde erst kürzlich in den Allgäuer Hochalpen als neue Art entdeckt und wissenschaftlich beschrieben. Sie bildet – wie fast alle Flechten – sogenannte sekundäre Flechtenstoffe. Über die Funktion dieser Stoffwech-selprodukte weiß man bisher wenig. Manche davon, hergestellt von den sogenannten Polyketidsynthasen, sind allerdings bekannt als ökologisch sowie pharmazeutisch bedeutend, beispielsweise die Melanine. Ein internationales Forscherteam der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) fand nun Hinweise im Genom der neuen Stäbchenflechte, dass ein ungewöhnlich großer Teil ihrer Polyketidsynthasen für die Herstellung von Melaninen zuständig ist. Wie in der Haut des Menschen fungieren diese meist dun-kelbraunen bis schwarzen, manchmal auch gelblichen bis rötlichen Pigmente auch bei Flechten durch ihre UV-Filterung als Schutz vor zu viel Sonnenstrahlung.

Besonders überrascht hat die Forschenden die große Anzahl der am Melanin-Stoffwechsel beteiligten Polyketidsynthasen in Toniniopsis dissimilis: „Zwar besitzt die Unähnliche Stäbchenflechte im Vergleich mit anderen analysierten Flechtenpilzgenomen die mit Abstand geringste Zahl an sogenannten Typ 1 Polyketidsynthasen, aber von diesen sind zwei Drittel in die Produktion von Melaninen involviert. Dies legt eine besondere Wichtigkeit von Melaninen für diese Flechtenart nahe. Die Stäbchenflechte wächst in lichten Wäldern und ist Indikator für einen gesunden, vielfältigen und natürlichen Baumbestand. In solchen Lebensräumen gibt es zeitweise starken Lichteinfall, so dass Melanine als Sonnenschutz eine wichtige Funktion haben dürften“, interpretiert Julia Gerasimova, Erstautorin der Studie, die Ergebnisse. Die Lichenologin ist mittlerweile am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frank-furt be-schäftigt.

Die Funktion der Melanine beschränkt sich vermutlich nicht nur auf den Schutz vor schädlicher UV-Strahlung: Es ist auch bekannt, dass die Pigmente aufgrund ihres Geschmacks Pflanzenfresser abschrecken. „In solch naturnahen Wäldern, in denen Toniniopsis dissimilis hauptsächlich vorkommt, leben besonders viele Tiere, die sich auch von Flechten ernähren, zum Beispiel Schnecken und Milben. Da ist eine Strategie, die verhindert gefressen zu werden, besonders wichtig. Die Melanine haben somit wohl auch die wichtige Aufgabe in der Verringerung des Fraßdrucks“, erklärt Andreas Beck, Botaniker und Mykologe an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns.

Das Genom der Unähnlichen Stäbchenflechte wurde durch das SNSB-eigene Genomik-Labor, die Genomics Core Facility, sequenziert. Als Referenz kann das neu sequenzierte Genom für die weitere Forschung an Flechten von Bedeutung sein. Diese Studien tragen einmal mehr zum besseren Verständnis des Stoffwechsels von Flechten und seines großen versteckten Potenzials bei.

Publikation:
Gerasimova, J.V.; Beck, A.; Scheunert, A.; Kulkarni, O. De Novo Genome Assembly of To-niniopsis dissimilis (Ramalinaceae, Lecanoromycetes) from Long Reads Shows a Compara-tively High Composition of Biosynthetic Genes Putatively Involved in Melanin Synthesis. Genes 2024, 15, 1029.
https://doi.org/10.3390/genes15081029

Wissenschaftlicher Kontakt:
PD Dr. habil. Andreas Beck
SNSB – Botanische Staatssammlung München
Menzinger Str. 67, 80638 München
Tel.: 089 17861 266
E-Mail: beck@snsb.de

Dr. Om Kulkarni
SNSB – Genomics Core Facility
Menzinger Str. 67, 80638 München
Tel.: 089 17861 206
E-Mail: kulkarni@snsb.de

Bayerns digitale Schatzkammer bavarikon macht kunstvolle Pilzwelt der Botanischen Staatssammlung München für alle zugänglich

In Kooperation mit dem Team von bavarikon an der Bayerischen Staatsbibliothek konnte die Botanische Staatssammlung München (SNSB-BSM) nun zwei wertvolle Pilzaquarellsammlungen im Internetportal bavarikon des Freistaats Bayern einem breiten Publikum zugänglich machen. Die Illustrationen der beiden Künstler und Pilzkenner Konrad Schieferdecker und Dr. Fritz Wohlfarth sind nicht nur wissenschaftlich bedeutend, sondern gleichzeitig ein einzigartiger Kunst- und Kulturschatz: Die Informationen waren bisher nur über die internationalen Portale der Naturwissenschaften einzusehen und erscheinen nun seit August 2023 erstmals auch in Bayerns digitaler Schatzkammer.

Die rund 3.300 wissenschaftlichen Illustrationen werden an der Botanischen Staatssammlung München betreut. Eine erste digitale Erschließung erfolgte bereits im Jahr 2000 mit einem eigenen Internetportal. Die digitalen Objekte gehören auch zu den ersten botanischen Wissensobjekten, die über die international bekannten Biodiversitätsdatennetzwerke wie der Global Biodiversity Information Facility (GBIF) bereitgestellt werden. Auf Initiative des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst organisierten nun die Datenwissenschaftler:innen und Software-Entwickler:innen des SNSB IT Zentrums die Transformation der Daten zur Integration der beiden digitalen Sammlungen von Pilzaquarellen von Konrad Schieferdecker (1902 – 1965) und Dr. Fritz Wohlfarth (1906 – 2005) in die Infrastruktur des Internetportals bavarikon.

bavarikon ist das Internetportal zu Kunst, Kultur und Landeskunde des Freistaats Bayern. Es macht das vielfältige kulturelle Erbe Bayerns weltweit kostenlos zugänglich und richtet sich sowohl an die kulturinteressierte Öffentlichkeit als auch an wissenschaftliche Nutzer:innen. Mittlerweile stehen über 440.000 Inhalte von über 150 Kultureinrichtungen online zur Verfügung. Dazu zählen jetzt auch die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns als datenliefernde Institution mit der Botanischen Staatssammlung München als bestandshaltende Abteilung. bavarikon ist ein Gemeinschaftsprojekt des Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst und des Staatsministeriums für Digitales. Die Bayerische Staatsbibliothek trägt den laufenden redaktionellen, technischen und organisatorischen Betrieb.

Die Botanische Staatssammlung München beherbergt rund 3,2 Millionen Objekte, hauptsächlich getrocknete Pflanzen, Pilze und Flechten. Die Pilzaquarell-Sammlungen Schieferdecker und Wohlfarth nehmen dabei einen speziellen Platz ein, da sie viele heimische Pilzarten mit ihrem Aussehen und detailreichen Strukturen und Merkmalen ebenso wie Zeit und Ort des Fundes dokumentieren. „Mit den beiden Sammlungen werden 3.300 großartige Werke der wissenschaftlichen Botanischen Malerei in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts präsentiert. In den naturalistisch korrekten Darstellungen wird das handwerklich-künstlerische Geschick von Schieferdecker und Wohlfarth – kombiniert mit deren fachwissenschaftlicher Expertise – deutlich“, erklärt Dr. Dagmar Triebel, verantwortliche Sammlungskuratorin und Leiterin des Digitalisierungsprojekts.

Bereits seit Carl von Linné spielt beim Anlegen von Herbarien bzw. Fungarien, Sammlungen getrockneter Pflanzen und Pilze, die bildliche Dokumentation von Gestalt und Aussehen der Objekte im Lebendzustand eine wichtige Rolle. Im Gegensatz zu anderen botanischen Objekten verlieren Pilze beim Trocknen sowohl Form als auch Farbe. Zur Identifikation der Arten anhand ihres Aussehens sind deshalb, neben den getrockneten Exemplaren, Bilder notwendig.

„Mit der breiten Einführung der Farbfotografie in den 1970er Jahren werden den Sammlungsobjekten an der Botanischen Staatssammlung München nur noch selten kunstvolle Aquarelle beigefügt“, bedauert Frau Prof. Gudrun Kadereit, Direktorin der Botanischen Staatssammlung sowie des Botanischen Gartens München-Nymphenburg. „Umso wichtiger sind die Digitalisierung und Bewahrung bereits vorhandener Bilder. In der Kombination mit der korrekten Identifikation der dargestellten Sippen können sie Wissensschätze sein, die gerade durch ihre präzise Darstellung, Detailreichtum und naturalistische Fokussierung auf relevante Merkmale aktuell neue Bedeutung im Zeitalter von KI erlangen“.

Die Plattform bavarikon erlaubt nun auch interessierten Bürger:innen außerhalb der biologischen Forschergemeinschaft diese kunstvolle digitale Pilzwelt von rund 1.600 heimischen Arten zu nutzen. Die Realisierung der technischen Anbindung an bavarikon eröffnet neue Kooperationsmöglichkeiten zum technischen Datenaustausch zwischen Bibliotheks­ und Archivdiensten einerseits und Diversity Workbench-basierten Datenrepositorien naturwissenschaftlicher Forschungssammlungen andererseits.

Die Botanische Staatssammlung München gehört zu den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB). Sie wurde 1813 als „Herbarium Regium Monacense“ (Königliches Münchner Herbar) durch König Max I Joseph und die Bayerische Akademie der Wissenschaften gegründet und umfasst heute mehr als 3,2 Millionen Herbarbelege – darunter auch einzelne sehr alte Belege, die zum Teil sogar aus dem späten 17. Jahrhundert stammen.

Links:

Kontakt:

Dr. Dagmar Triebel
SNSB Botanische Staatssammlung München & SNSB IT Zentrum
Tel.: 089 17861 252
E-mail: triebel@snsb.de

Historische Herbarien aus dem Kloster Andechs an die Botanische Staatssammlung München übergeben

Der Heimatverein Erling-Andechs hat der Botanischen Staatssammlung München (SNSB-BSM) zwei historische Herbarien aus dem Kloster Andechs übergeben – darunter das wahrscheinlich älteste bisher bekannte Herbar Bayerns. Die beiden Herbarien wurden im Juli 2023 feierlich an Prof. Dr. Gudrun Kadereit, der Direktorin der Botanischen Staatssammlung sowie des Botanischen Gartens München-Nymphenburg überreicht.

Die Botanische Staatssammlung München kann sich glücklich schätzen: Nur den aufmerksamen Mitgliedern des Heimatvereins Erling-Andechs ist es zu verdanken, dass die beiden kostbaren Herbarien entdeckt und ihr Wert erkannt wurde. Die historischen Schätze kamen im Kloster Andechs ganz zufällig bei Baumaßnahmen im Speicher ans Tageslicht. Es handelt sich dabei um zwei historische Herbarien, das heißt Sammlungen getrockneter Pflanzen, aufgeklebt auf sogenannte Herbarbögen. Die beiden „Andechser Herbarien“ stammen aus den Jahren 1742 bzw. 1878. Damit dürfte das ältere der beiden eines der ältesten – wenn nicht sogar das älteste – bisher bekannte Herbar aus Bayern darstellen – gerettet durch den glücklichen Zufallsfund im Kloster Andechs und nun fachmännisch aufbewahrt und wissenschaftlich kuratiert in der Botanischen Staatssammlung München.

Das jüngere der beiden Herbarien enthält Pflanzen, die laut Etikett durch „P. Ambrosius Böck […] in Andechs im Sommer 1878 gesammelt“ wurden und beinhaltet etwa 100 in Zeitungen eingelegte gepresste Pflanzen aus der Gegend um Andechs. Das ältere Herbar ist in gebundener Buchform gestaltet, als sogenanntes Pflanzenbuch, und enthält 106 paginierte Seiten. Sein Titel „Sylvester de Boricanis ex Castro franco. Anno D‘ 1742 Padua Mense Maij“ gibt Hinweise auf den Pflanzen-Sammler: Sylvester de Boricani aus Castelfranco. Die Jahreszahl bezieht sich vermutlich auf Monat und Jahr der Herstellung des Herbarbuches im Monat Mai des Jahres 1742.

„Es ist unwahrscheinlich, dass mit Mai 1742 das Sammeldatum der Pflanzen gemeint ist. Denn unter den vielen im blühenden Zustand gepressten Pflanzen in diesem Werk sind auch etliche, die im Mai nicht blühen, so etwa Natternkopf, Heilziest und Ysop. Es ist wahrscheinlicher, dass die einzelnen Pflanzen über eine längere Zeit gesammelt und gepresst wurden, und erst das Gesamtwerk im Mai 1742 in Padua fertiggestellt wurde“, vermutet Dr. Andreas Fleischmann, Kurator für Blütenpflanzen an der Botanischen Staatssammlung München.

Pro Seite sind in dem Büchlein je drei bis fünf Pflanzen aufgeklebt und mit einem nummerierten Etikett versehen, das neben dem Pflanzennamen manchmal noch einen beschreibenden kurzen lateinischen Text enthält. Überwiegend sind Pflanzen aus dem Mittelmeergebiet vertreten, daneben aber welche aus gemäßigten Gebieten. Es finden sich auch einige Zierpflanzen, wie Kapuzinerkresse, sowie viele Heilpflanzen, die vermutlich in einem Klostergarten aufgesammelt wurden. Die Pflanzen sind weitestgehend nach ihrer Verwandtschaft sortiert. Auf den Etiketten ist die Benennung der Pflanze angegeben, teilweise ergänzt durch ihren Verwendungszweck z.B. „zu Heilzwecken“. Dieses „Andechser Herbar“ ist eine historische und wissenschaftliche Kostbarkeit. In Deutschland dürften nur sehr wenige Exemplare solch alter Herbarien existieren: Das älteste davon ist das Ratzenberger Herbarium im Kasseler Ottoneum, das von 1556 bis 1592 angelegt wurde. Auch im Herbarium Göttingen finden sich drei noch ältere Herbarien: Das Albrecht von Haller Herbarium und die Plantae Malabaricae stammen jeweils von 1732-1733, das Herbarius Vivus, ursprünglich aus Leiden in Holland, wurde wahrscheinlich um 1700 erstellt.

Die Botanische Staatssammlung München, wo die beiden kostbaren bayerischen Pflanzensammlungen nun aufbewahrt sind, gehört zu den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB). Sie wurde 1813 als „Herbarium Regium Monacense“ (Königliches Münchner Herbar) durch König Max I Joseph und die Bayerische Akademie der Wissenschaften gegründet, und umfasst heute mehr als 3,2 Millionen Herbarbelege – darunter auch einzelne sehr alte Belege, die zum Teil sogar aus dem späten 17. Jahrhundert stammen und über historische Pflanzensammlungen hinzukamen. Doch das „Andechser Herbar“ ist nun das älteste Herbar, das der Botanischen Staatssammlung München bisher zugegangen ist.

Kontakt:
PD Dr. Andreas Fleischmann
SNSB Botanische Staatssammlung München & GeoBio-Center LMU
Tel.: 089 17861 240
E-mail: fleischmann@snsb.de

Dr. Hajo Esser
SNSB Botanische Staatssammlung München
Tel.: 089 17861 264
E-mail: esser@snsb.de

Citizen Science: Soziale Medien helfen bei der Entdeckung neuer Pflanzenarten

Ein australisch-deutsches Forscherteam um SNSB-Botaniker Andreas Fleischmann hat sechs neue fleischfressende Sonnentau-Arten aus Westaustralien entdeckt. Eigentlich nichts Besonderes für Botaniker:innen – allerdings wurden vier der sechs neuen Arten anhand von Fotos auf Social Media Kanälen identifiziert, die dort von Naturfotografen gepostet wurden. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen und die Beschreibung neuen Arten haben die Forscher nun in der renommierten Fachzeitschrift Biology veröffentlicht.

Obwohl wir uns im 21. Jahrhundert gerade in einer Zeit des weltweiten Artensterbens befinden, werden von Wissenschaftler:innen immer wieder neue Tier- und Pflanzenarten entdeckt. Ein Wettlauf gegen die Zeit – ohne die intensive Arbeit von Artenforscher:innen würden viele Lebewesen aussterben, ohne vorher jemals gekannt worden zu sein. Nun hat eine Gruppe von deutschen und australischen Botanikern bei Ihrer Suche nach neuen Arten des fleischfressenden Sonnentaus (Gattung Drosera) im Südwesten Australiens überraschende Unterstützung bekommen: Den Wissenschaftlern kamen Social Media Beiträge australischer Hobbyfotograf:innen zu Hilfe, die ihre Pflanzenfotos auf Facebook & Co posteten. Unter diesen Fotos fanden sich einerseits bekannte Sonnentauarten von etlichen bisher unbekannten Standorten, sowie vier bisher noch gänzlich unbekannte Pflanzen, die von den Wissenschaftlern als neue Arten identifiziert wurden. Die untersuchten Pflanzen stammen allesamt aus einer Gruppe der knollenbildenden Sonnentau-Arten aus Westaustralien, genauer aus der Verwandtschaft der Art Drosera microphylla. Zwei weitere Arten aus dieser Pflanzengruppe endeckten die Wissenschaftler selbst bei ihrer Feldforschung in Westaustralien, so dass nun insgesamt sechs neue Arten aus dem sogenannten Drosera microphylla-Artkomplex beschrieben werden konnten – zusätzlich zu den bisher bekannten drei Arten aus dieser Verwandtschaft. Von den knollenbildenden Sonnentau-Arten selbst gibt es in Australien etwa 80 Arten.

Das Forscherteam um Andreas Fleischmann von der Botanischen Staatssammlung München (SNSB-BSM) und dem GeoBio-Center der Ludwig-Maximilians-Universität München und Doktorrand Thilo Krueger von der Curtin Universität Westaustralien hat seine Ergebnisse nun in der renommierten Fachzeitschrift Biology veröffentlicht. An der Studie ebenfalls beteiligt waren Botaniker von den Royal Botanic Gardens Victoria, Melbourne, sowie aus New South Wales.

Übersicht über die sechs neu entdeckten Sonnentau-Arten aus Westaustralien.
(Fotos: Thilo Krueger, Curtin University, Australien, Jean u. Fred Hort, Australien)

Neue Tier- und Pflanzenarten entdecken Biolog:innen heutzutage nicht nur auf Forschungsreisen und Expeditionen in unbekannte Regionen oder bei Untersuchungen von Herbarbelegen oder Präparaten in naturwissenschaftlichen Sammlungen. Eine zunehmende Anzahl an neuen Arten wird mittlerweile von Fachleuten „online“ entdeckt, in Fotodatenbanken oder Social Media Kanälen, wo diese neuen, noch unbekannten Arten absichtlich oder zufällig von Naturfotograf:innen und Bürgerwissenschaftler:innen (Citizen Scientists) dokumentiert werden.

Auch fleischfressende Pflanzen gehören dazu – so ist zum Beispiel eine der ersten Pflanzenarten, die bereits 2014 auf Facebook entdeckt wurde, ein großer Sonnentau (Drosera) aus Brasilien. Anscheinend gehören fleischfressende Pflanzen mit ihrem oft auffälligen Aussehen und ihrer bizarr anmutenden Gestalt zu den besonders gerne von Naturliebhaber:innen fotografierten Objekten. Die Anzahl von Beobachtungsdaten von Laienwissenschaftler:innen in Sozialen Medien sowie sogar in wissenschaftlichen Biodiversitäts-Datenbanken (z.B. GBIF – Global Biodiversity Information Facility) übersteigt mittlerweile bei weitem die Anzahl der Daten, die aus Forschungssammlungen stammen. Eine von SNSB-Wissenschaftler Andreas Fleischmann im Jahr 2018 aus Südafrika neu beschriebene Sonnentau-Art war zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung von drei historischen Herbarbelegen bekannt, sowie bereits damals von sieben Fotos auf der Citizen Science Webseite iNaturalist. Heute, nur knapp vier Jahre später, finden sich auf iNaturalist (Stand Januar 2023) bereits 307 Beobachtungen dieser Art, die von insgesamt 131 naturinteressierten „Hobbyforscher:innen“ gemacht wurden. Die Anzahl der bekannten Herbarbelege des Sonnentaus aus Südafrika in den naturwissenschaftlichen Sammlungen ist unterdessen gleich geblieben.

„Die Forschungsdaten der Citizen Scientists sind eine wertvolle Datenquelle für uns Biodiversitätsforscher:innen –  und damit von großer Bedeutung für den Schutz vieler Tier- und Pflanzenarten. Vor allem die Ermittlung von Verbreitungsgebieten sehr seltener Arten wäre uns ohne diese zusätzliche Datenfülle gar nicht möglich“, so Andreas Fleischmann, Letztautor der Studie.

Publikation:
Krueger, T., Robinson, A., Bourke, G. & Fleischmann, A. (2023). Small leaves, big diversity: citizen science and taxonomic revision triples species number in the carnivorous Drosera microphylla complex (D. section Ergaleium, Droseraceae). Biology 12, 141. https://doi.org/10.3390/biology12010141

Kontakt:
PD Dr. Andreas Fleischmann,
Botanische Staatssammlung München (SNSB-BSM) & GeoBio-Center LMU
Tel: 089 17861-240, E-Mail: fleischmann@snsb.de

 

Grenzüberschreitender Datenfluss für die Flora des Böhmerwaldes

Ein deutsch-tschechisches Forscherteam stellt eine neue binationale Dateninfrastruktur vor. Das Projekt „Flora des Böhmerwaldes“ erschloss in den letzten vier Jahren wissenschaftliche Daten sowohl aus historischen Artenmonitoringprojekten beider Länder als auch neue Datenbestände zur aktuellen Pflanzenvielfalt des Böhmerwaldes. Die Daten sind öffentlich über ein Online-Portal in deutscher und tschechischer Sprache verfügbar. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler:innen unter Federführung der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) kürzlich im Biodiversity Data Journal. Die etablierten Dienste werden in den nächsten Jahren im Rahmen des NFDI4Biodiversity Konsortiums und des SNSB Datenprojektes zur Flora von Bayern weiterentwickelt.

Der Böhmerwald ist ein biologisch einzigartiges Gebiet in Mitteleuropa, das besondere Aufmerksamkeit bei der Erforschung und Dokumentation seiner Biodiversität und deren Schutz verdient. Trotz langer Tradition der floristischen Erforschung dieser Region in beiden Ländern lag bisher keine grenzüberschreitende Gesamterfassung und -analyse vor. Unterschiedliche methodische Ansätze und Forschungsschwerpunkte sowie sprachliche und politische Barrieren begrenzten die Zusammenarbeit zwischen Experten in der Vergangenheit maßgeblich. Der Böhmerwald erstreckt sich über die beiden Nationalparke Bayerischer Wald und Šumava hinaus, vom Gebiet des Großen Arbers bis in das österreichische Mühlviertel.

Die große Herausforderung für die Biodiversitätsinformatiker:innen war die Entwicklung einer neuen und zugleich nachhaltigen technischen Infrastruktur, die mehrere Millionen Datensätze aus tschechischen und bayerischen Datenmanagementsystemen dynamisch und zugleich qualitätsgesteuert zusammenführt. „Notwendig ist dabei die technische und inhaltliche Übersetzung von Kategorien, Strukturen und Formaten bei der Zusammenführung der beiden Datenhaltungssysteme“, erklärt Dr. Stefan Seifert, Projektmitarbeiter und leitender Biodiversitätsinformatiker am SNSB IT-Zentrum. Es galt also, wissenschaftliche Bezeichnungen, Angaben zu Herkunft, geographische Lokalisierung und Gefährdungsstatus der Pflanzen in einer neuen gemeinsamen Dateninfrastruktur zu vereinen. Die Zusammenführung sämtlicher Informationen ist von großer Bedeutung, um gemeinsam passende Maßnahmen für den Arten- und Ökosystemschutz auf beiden Seiten der Grenze entwickeln zu können. Dazu gehört beispielsweise die Überwachung der Bestandsentwicklung von seltenen und bedrohten Arten.

2018 ging die grenzübergreifende Initiative „Flora des Böhmerwaldes – Květena Šumavy – Flora Silvae Gabretae“ an den Start – mit dem Ziel Daten unabhängig von Landesgrenzen verfügbar zu machen. Partner sind der Lehrstuhl für Botanik der Südböhmischen Universität České Budějovice (Budweis), der Nationalpark Bayerischer Wald, der tschechische Nationalpark Šumava, die Karls-Universität Prag sowie die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns mit ihrem SNSB IT-Zentrum.

Das neue Datenportal zur Flora des Böhmerwaldes präsentiert dabei in deutscher, tschechischer und englischer Sprache Informationen und Daten zur Verbreitung und Häufigkeit der Pflanzen unter anderem auch in Form von Verbreitungskarten, Artenlisten und Artensteckbriefen mit den ökologischen

Anforderungen der Gefäßpflanzen der Region. Die Webseite richtet sich an Pflanzen- und Naturliebhaber:innen, Bürgerwissenschaftler:innen gleichermaßen wie an professionelle Botaniker:innen, Förster:innen, Landwirt:innen, oder Ökolog:innen aus Tschechien sowie aus Deutschland.

Das SNSB IT Zentrum war im Projekt maßgeblich für Hintergrundprozesse des Datenmanagements im Diversity Workbench-Netzwerk sowie Prozesse der Datenintegration verantwortlich: Die Arbeitsgruppe um Leiterin Dr. Dagmar Triebel steuerte den Datenimport sowie die technische Bereitstellung von historischen und aktuellen Verbreitungsdaten der bayerischen Seite des Böhmerwaldes. Neben seiner Expertise im Bereich Data Science und Softwareentwicklung stellte das SNSB IT Zentrum als Teil der Botanischen Staatssammlung München (SNSB-BSM) auch sein botanisches Expertenwissen zur Verfügung: BSM Botaniker:innen übernahmen die wissenschaftliche Betreuung der bayerischen Artenlisten, die Bestimmung schwieriger Arten, die Mitarbeit an Artensteck-briefen und der Einstufung des Rote-Liste-Status. Datenerhebungen im Gelände erfolgen mittels der vom SNSB IT Zentrum entwickelten Smartphone App DiversityMobile.

„Das Projekt hat den interkulturellen Austausch zwischen tschechischen und deutschen Wissenschaftler:innen nachhaltig befördert. Gleichzeitig professionalisieren die neuen technischen Dienste den digitalen Austausch von Biodiversitätsdaten mit Umweltindikatorfunktion zwischen beiden Ländern. In Zukunft wäre es sehr sinnvoll, das Netzwerk zu erweitern und auch die österreichischen Daten in das Netzwerk aufzunehmen und damit das Untersuchungsgebiet vollständig abzudecken“, erläutert Dr. Dagmar Triebel, Kuratorin an der Botanischen Staatssammlung München und Leiterin des SNSB IT Zentrum. Die einzelnen Dienste und Software-Komponenten werden im Rahmen des Citizen Science Projektes „Koordinationsstelle Bayernflora“ weiterentwickelt und in die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) integriert werden.

Gefördert wurde das „Flora des Böhmerwaldes“-Projekt durch die Europäische Union im Rahmen des Programms „Europäische Territoriale Zusammenarbeit“ (ETZ), zur grenzübergreifenden Kooperation zwischen dem Freistaat Bayern und der Tschechischen Republik.

Publikation:
Novotný, P., Seifert, S., Rohn, M., Diewald, W., Štech, M. & Triebel, D. 2022. Software infrastructure and data pipelines established for technical interoperability within a cross-border cooperation for the flora of the Bohemian Forest. Biodiversity Data Journal 10: e87254: 1-21, https://doi.org/10.3897/BDJ.10.e87254

Links
https://www.florasilvaegabretae.eu/de/
https://snsb.de/nfdi/
https://snsb.de/flora-von-bayern/

Kontakt:
Dr. Dagmar Triebel
Botanische Staatssammlung München / SNSB IT Zentrum
Menzinger Straße 67, 80638 München
Tel.: 089 17861 252
Email: triebel@snsb.de

Dr. Stefan Seifert
Botanische Staatssammlung München / SNSB IT Zentrum
Menzinger Straße 67, 80638 München
Tel.: 089 17861 245
Email: seifert@snsb.de

Umweltminister Glauber verleiht SNSB Botaniker Andreas Fleischmann die Bayerische Umweltmedaille

SNSB Botaniker PD Dr. Andreas Fleischmann von der Botanischen Staatssammlung München (SNSB-BSM) erhielt am gestrigen Donnerstagnachmittag die Umweltmedaille des Freistaates Bayern. Im Rahmen einer Ehrungsfeier in der ehemaligen Dominikanerkirche in Bamberg überreichte Staatsminister Thorsten Glauber die Auszeichnung.

Glauber Fleischmann Umweltmedaille
PD Dr. Andreas Fleischmann, Wissenschaftler an der Botanischen Staatssammlung München, erhält die Bayerische Umweltmedaille von Staatsminister Thorsten Glauber. (Bildquelle: Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz)

Als Kurator für Blütenpflanzen an der Botanischen Staatssammlung München (SNSB-BSM) bringt Andreas Fleischmann sein breites Fachwissen für den Umweltschutz ein. Der Botaniker engagiert sich zudem intensiv in verschiedenen ehrenamtlichen Biodiversitätsinitiativen und setzt dabei auf Aufklärung und Information. Fleischmann erläutert Bürger:innen unermüdlich die Ursachen, Zusammenhänge und Folgen der Biodiversitätskrise.

„Sie versorgen die Gesellschaft mit den nötigen Fakten, um den Umweltschutz in Bayern voranzubringen“, begründete Staatsminister Thorsten Glauber die Auszeichnung. „Besonders herausheben möchte ich Ihre gelungene Wissenschaftskommunikation zu den Umweltthemen Biotopzerstörung und Blühstreifenmanagement und Ihr fachlich fundiertes Engagement in der umweltpolitischen Diskussion um Artenschwund, effektiven Artenschutz und die Einrichtung von Biotopbrücken.“

Die Bayerische Staatsmedaille für besondere Verdienste um die Umwelt ist die höchste Auszeichnung, die der Bayerische Staat in diesem Bereich zu vergeben hat. Sie wird jährlich vom Bayerischen Staatsminister für Umwelt und Verbraucherschutz an Personen oder Vereinigungen verliehen, die herausragende Verdienste um den Natur- und Umweltschutz erworben haben. In diesem Jahr erhielten elf Personen die Medaille.

Auch Prof. Dr. Dr. Joris Peters, Generaldirektor der SNSB, freut sich über die Ehrung: „Ich gratuliere Andreas Fleischmann sehr herzlich zu dieser tollen Auszeichnung. Sie zeigt die Wertschätzung für seine Arbeit als Wissenschaftler, hebt aber zugleich die Bedeutung naturhistorischer Sammlungen als Grundlage für die Beurteilung des Zustandes unserer Umwelt hervor. Denn um den Wandel zu erkennen und zu deuten, benötigen wir den Blick in die Vergangenheit – und diese zu rekonstruieren zählt zu den Kernaufgaben der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns.“

Andreas Fleischmann ist seit 2014 Wissenschaftler an der Botanischen Staatssammlung München, sowie seit 2021 Privatdozent für Systematik, Biodiversität & Evolution der Pflanzen an der LMU München. Seit 2020 hat Fleischmann den ersten Vorsitz der Bayerischen Botanischen Gesellschaft inne. Der Botaniker forscht insbesondere an fleischfressenden, parasitischen sowie mykoheterotrophen Pflanzen sowie zu paläobotanischen Themen.

Laudatio für Dr. Andreas Fleischmann: https://www.stmuv.bayern.de/ministerium/auszeichnungen/verdienst_umwelt/detailansicht.htm?tid=21944

Kontakt:
PD Dr. Andreas Fleischmann
Botanische Staatssammlung München (SNSB-BSM)
Menzinger Straße 67, 80638 München
Tel: 089 17861 240, E-Mail: fleischmann@snsb.de